Ein Bild.

Brigitte Thies-Böttcher in der Pachorialkirche
Foto: Benjamin Gutzler

Warum braucht die Stadtmitte wieder das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster ?

Schulbau am alten Standort

Von Brigitte Thies-Böttcher

Was erwarten Sie von mir und uns heute an diesem Standort?

Zuerst werden Sie wissen wollen, warum wir, warum der Förderverein Graues Kloster-Mitte, davon überzeugt ist, dass das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster wieder an seinem alten Standort entstehen soll.
Und natürlich werden Sie wissen wollen, wie man sich dies konkret vorzustellen hat. Wie kann oder soll das aussehen? Was für eine Schule soll und könnte es sein?

Sie werden feststellen, wenn Sie durch diese Ausstellung gehen, dass das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster dreimal sehr prominent vorkommt, auch andere Vereine haben sich des Grauen Klosters angenommen. Ein paar eindrückliche Fotos und viele beeindruckende Namen? Schön, interessant und auch ernüchternd anzuschauen. Aber was folgt daraus?

Ich möchte Ihnen deshalb – sozusagen im Schnelldurchgang – anhand einiger herausragender Wegmarken die Historie des Ortes etwas näher bringen und Ihnen auch verdeutlichen, weshalb wir der festen Überzeugung sind, dass es sich lohnt, sich für diese Schule an diesem Ort einzusetzen.

Das Klosterviertel, dieser Urort Berlins, schreit nach Befreiung von Brachflächen und sehnt sich nach einem menschlichen Maß und nach Bewohnern, die es in das Herz der Stadt zieht – um der Seele willen und für Berlin.

Pfarrer Gregor Hoberg von der St. Petri-/ St. Marien-Gemeinde

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Das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster wurde 1574 vom brandenburgischen Kurfürsten Johann Georg als städtisches Gymnasium gestiftet. Einige Gebäude des im Zuge der Reformation aufgegebenen Franziskanerklosters, „Graues Kloster“ – benannt nach der Farbe der Mönchskutte – stellte er der neuen Schule zur Verfügung. Wir, der Förderverein, setzen uns aus ehemaligen Schülern der alten Schule, aus Eltern und Kollegen der neuen Schule in Schmargendorf, aus Engagierten aus Ost und West zusammen. Wir sind der Überzeugung, dass die Berliner Stadtgesellschaft diesen Ort nicht unter einer Grünfläche verschwinden lassen darf. Dieser Ort war für das geistige und kulturelle Leben Preußens, dieser Stadt, aber für auch das ganze Land und darüber hinaus für die europäische Bildungslandschaft und Kultur über 400 Jahre lang prägend. Harald Bodenschatz schrieb im Tagesspiegel am 9. Oktober 2018, dass dieses Viertel als das „Berlin der Toleranz“ angesehen werden müsse, verkörpert unter anderem durch die außergewöhnliche Freundschaft zweier außergewöhnlicher Menschen, Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn, die im 18. Jahrhundert in diesem Viertel lebten und wirkten.

Ansicht des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster
Foto: Landesbildstelle Berlin

Wie eingangs erwähnt, wurde die Schule als städtische beziehungsweise öffentliche Schule im 16. Jahrhundert gegründet. Sie war – gemäß der in Preußen herrschenden religiösen Toleranz – konfessionell nicht gebunden, sondern zeichnete sich durch eine große Weltoffenheit und Liberalität aus. Schon bald entwickelte sich die Schule zu einer der angesehensten Institutionen der Stadt und blieb dies bis heute.

Im 17. Jahrhundert engagierte sich die Berliner Stadtgesellschaft auch finanziell für die Schule. Der bekannteste Spender und Förderer war Sigismund von Streit, der der Schule seine berühmte Gemäldesammlung und seine Bibliothek vermachte. Mit Spenden ermöglichten Berliner Bürger mittellosen Schülern den freien Besuch des Unterrichts und des Internats. Die Lehrergehälter wurden ebenfalls durch Spenden aufgestockt. (Heute wäre das undenkbar, und das in einer Zeit, in der die Lehrer einerseits einen schlechten Ruf genießen, andererseits die Gesellschaft sie wegen ihrer schwierigen Aufgabe bedauert. Aber am Ende bekommen sie nicht die Unterstützung, die sie benötigen. Jeder wusste vor drei Jahren, dass das Land zusätzlich sehr viele Lehrer braucht. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang auch Ex-Bundeskanzler Schröders Wort von den „faulen Säcken“.)

Im 18. Jahrhundert zeigte die Schule für damalige Zeiten viel Innovationspotential, wie man heute sagen würde. Sie war richtig modern. Denn zusätzlich zu den philosophischen Fächern, die traditionell an einem humanistischen Gymnasium unterrichtet wurden, kamen die Disziplinen hinzu, die man heute als Gesellschaftswissenschaften bezeichnen würde, also Geschichte und Geographie. Zu den klassischen alten Sprachen Latein und Griechisch traten moderne Fremdsprachen hinzu. Englisch, Französisch, Italienisch, zeitweise auch Russisch und Polnisch.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Schule als Vorbild für Schulen über die Landesgrenzen hinaus. Das preußische Schulwesen galt als vorbildlich. Die Schule wurde als Modellschule für Einrichtungen in Polen und Russland angesehen. Sowohl im 18. als auch im 19. Jahrhundert absolvierten viele bedeutende Geistesgrößen diese Schule.

links: Sigismund Streit (*13. April 1687 in Berlin,
† 20. Dezember 1775 in Padua), Kloster-Schüler und Förderer des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster, Kaufmann, Sammler und Mäzen der Künste in Padua;
rechts: Karl-Friedrich Schinkel (13. März 1781 in Neuruppin,
† 9. Oktober 1841 in Berlin), Kloster-Schüler, preußischer Baumeister, Architekt, Stadtplaner, Maler und Grafiker
Fotos: Streitsche Stiftung

links: Otto von Bismarck (* 1. April 1815 in Schönhausen (Elbe), † 30. Juli 1898 in Friedrichsruh) Kloster-Schüler, Politiker und Staatsmann; rechts: Friedrich Schleiermacher (*21. November 1768 in Breslau, † 12. Februar 1834 in Berlin) evangelischer Theologe, Altphilologe, Philosoph, Publizist, Staatstheoretiker, Kirchenpolitiker und Pädagoge
Fotos: Streitsche Stiftung

Im 20. Jahrhundert bewies die Schule erneut, dass sie fortschrittlich war. So richtete das Berlinische Gymnasium im Jahre 1923 eine Studienanstalt für Mädchen ein. Die ersten Lehrerinnen nahmen hier ihre Arbeit auf. Im Jahre 1926 entstand in der Schule ein Lehrerseminar für Latein und Griechisch.

links: Ludwig Bellermann (* 7. November 1836 in Berlin,
† 8. Februar 1915 in Berlin) Philologe, Germanist und Pädagoge, Kloster-Schüler, später Direktor am Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster; rechts: Aula des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster
Fotos: links: Streitsche Stiftung; rechts: Landesbildstelle Berlin

Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft hatte auch an dieser Schule ihre tödlichen Folgen. Vier Stolpersteine erinnern an das Schicksal jüdischer Schüler und jüdischer Lehrer, an ihre Vertreibung und Ermordung. Sie erinnern auch an das kollektive Versagen der Schule. In einem gemeinsamen Projekt der Streit’schen Sammlungen und eines Geschichtskurses des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster in Schmargendorf wurden die Stolpersteine verlegt.

links: Stolpersteine für Dr. Willi Lewinsohn (ehem. Klosterlehrer) und Familie auf dem Schulgelände in der Klosterstraße, verlegt am 28. April 2012; rechts: Siegbert Stehmann (* 9. April 1912 in Berlin, † 18. Januar 1945 bei Koralla im Kreis Brzeskow-Mowo), Kloster-Schüler, evangelischer Pfarrer und Dichter
Fotos: links: Benjamin Gutzler, rechts: Streitsche Stiftung

Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg

Der 2. Weltkrieg verwüstete die Schule auch in ihrer Außengestalt. Die Schulgebäude wurden nahezu komplett zerstört, bis auf das Langhaus, das in Zeiten der deutschen Teilung von den DDR-Behörden zunächst als erhaltenswertes Denkmal eingestuft worden war – dann aber abgerissen wurde, und die Klosterruine, die Sie jetzt noch sehen.

Die Schule als solche blieb im heutigen Stadtteil Berlin-Mitte bestehen, wechselte aber mehrfach ihren Standort. Im Jahr 1958 wurde der Schule aus politischen Gründen der Name entzogen. Fortan gab es das Berlinische Gymnasium erst einmal nicht mehr. Aus dem Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster wurde nun die 2. EOS. Monika Maron, eine Absolventin des Grauen Klosters, schreibt, dass sie 1955 auf die weiterführende Schule kam, ein Gymnasium. In der DDR war das eigentlich ein verpönter Begriff, der nur noch für das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster galt. Maron fährt fort, sie sei dennoch immer stolz gewesen, auf dieser Schule gewesen zu sein. Sie sagt dies noch heute gern, obwohl sie nur den sogenannten R-Zweig absolvierte, also den Zweig mit verstärktem Russischunterricht. Im Jahr 1963 wurde die namenlose Zeit der Schule beendet. Ehemalige der alten Schule bemühten sich erfolgreich darum, die Tradition der Schule in Inhalt und im Namen fortbestehen zu lassen.

Das zerstörte Areal des Grauen Klosters
Foto: Landesbildstelle Berlin

Hüter der Tradition wurde das Evangelische Gymnasium, das 1949 als humanistisches Gymnasium in Tempelhof gegründet worden war. Seit 1954 existiert die Schule an der Salzbrunner Straße in Wilmersdorf/Schmargendorf. Sie übernahm den Namen und die Tradition des Berlinischen Gymnasiums und trägt seitdem den Namen Evangelisches Gymnasium zum Grauen Kloster und führt bis heute die Tradition weiter. Diese Schule hat sich im Laufe der Jahrzehnte ebenfalls einen exzellenten Ruf erarbeitet und gehört zu den angesehensten Schulen der Stadt.

Auch an dieser Schulhistorie zeigt sich – wie so häufig in Berlin – die Geschichte der deutschen Teilung. Schüler des alten Gymnasiums zogen nach Schließung ihrer Schule in den Westteil der Stadt und besuchten das Evangelische Gymnasium, um dort das Abitur abzulegen. Auch das Evangelische Gymnasium in Potsdam-Hermannswerder wurde zu einem Zufluchtsort.

Schulfest am Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin-Wilmersdorf zu Beginn der 2000er Jahre
Foto: Benjamin Gutzler

Einer von ihnen war Markus Meckel, der aus Anlass der 50-jährigen Traditionsübernahme am 14. September 2013 in der Aula des Evangelischen Gymnasiums den Festvortrag hielt. Er war nie Schüler der Schule in Schmargendorf gewesen, sondern von 1967 bis 1969 Schüler der damaligen Schule in Ost-Berlin. Er besuchte danach das Kirchliche Oberseminar in Potsdam-Hermannswerder, um dort sein Abitur zu machen. Markus Meckel sagt, er sei immer sehr stolz auf seine Schule gewesen, obwohl sie den Namen nicht mehr tragen durfte. In den Köpfen habe die Schule aber immer weitergelebt.

Vortrag von Markus Meckel in der Aula des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster am 14. September 2013
Fotos: Benjamin Gutzler

Ich sagte eingangs, dass sich Menschen aus Ost und West, Ehemalige, Eltern und Kollegen für die Wiederbelebung am alten Standort einsetzen. Den Förderverein gibt es seit 2001. Er fristete aber aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen, zu denen ich später noch kommen werde, über viele Jahre ein Schattendasein. Die Stadtmitte überhaupt entschwand vorübergehend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Erst als der Bebauungsplan und damit das Planwerk Innenstadt für die Aufwertung der Stadtmitte, also den Molkenmarkt und das Klosterviertel, 2016 verabschiedet wurde, ist wieder Bewegung in die Debatte gekommen.

Zusätzlich zum Förderverein Graues Kloster-Mitte gibt es zwei Stiftungen, die sich mit dem Erbe der Schule beschäftigen. Da ist zum einen die Stiftung Berlinisches Gymnasium zum Grauen Kloster, die sich in erster Linie um die Besitzverhältnisse des ehemaligen Klosterareals kümmert. Darüber hinaus gibt es die Streit’sche Stiftung, die in ihren Sammlungen das Erbe der alten Schule pflegt und alles von Bedeutung sammelt, auch von der Schule in Schmargendorf. Die berühmte Bibliothek von Sigismund Streit, die er der Schule vermachte (von ihm war schon die Rede), seine kostbare Gemäldesammlung, aber auch alles Aufhebenswerte von Schülern, Ehemaligen und Lehrern der Schule wird in den Streit’schen Sammlungen in der Breiten Straße archiviert. Bismarcks Schulaufsätze beispielsweis kann man dort, nach Voranmeldung, einsehen. Sie werden dann feststellen, wie modern die Aufgabenstellungen für einen Deutschaufsatz um 1830 waren.

Doch nun zur Gegenwart. Warum soll das Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster in Schmargendorf eine Schwesterschule am alten Standort erhalten? Diese Frage wird kontrovers diskutiert. Ehemalige der alten Schule waren nicht unbedingt überzeugt davon, dass die Schmargendorfer Schule die Tradition der alten Schule übernehmen und weiterführen sollte. Aber auch Ehemalige des Evangelischen Gymnasiums und aktive Eltern der Schule sehen die Bedeutung der jetzigen Schule gefährdet und fürchten um den Namen.

Ich persönlich, in Übereinstimmung mit meinen Vorstandskollegen, sehe dafür keinen wirklichen Anlass, weder für die eine noch für die andere Position. Natürlich wird die Schule in Schmargendorf ihren Namen behalten und das Schwesterinstitut wird möglicherweise den alten Namen wiederbekommen, Berlinisches Gymnasium zum Grauen Kloster. Infolge der schwierigen Geschichte unserer Stadt ist dies vollkommen gerechtfertigt. Glücklicherweise hat die Schmargendorfer Schule die Tradition auf so wunderbare Weise weitergeführt, dass sie nicht verloren gegangen ist. Auch das ist ein Aspekt, den man nicht vergessen darf. Die „neue“ Schule am alten Standort wird hoffentlich wieder Leben in eine derzeit noch ziemlich leblose Gegend bringen und so an die großartige geistige und kulturelle Tradition der alten Schule wieder anknüpfen. Man darf hoffen, dass der genius loci dann auch in die Stadtgesellschaft hineinwirkt.

Aus Anlass der 60-Jahrfeier des Evangelischen Gymnasiums in Schmargendorf hielt Altbischof Prof. Dr. Wolfgang Huber am 6. September 2009 in der Aula der Schule eine Radioandacht, in der er auch auf den alten Standort zu sprechen kam. Ich zitiere:

„… Da ist zum Beispiel das Franziskanerkloster in der Mitte Berlins. Ahnungslos fahren viele heute an der Ruine vorbei. Aber welch eine Geschichte! Über Jahrzehnte war dort an einen Schulbetrieb nicht zu denken … Doch unterstütze ich die Hoffnung, dass auch die Ruine in der Mitte Berlins eines Tages wieder mit Leben gefüllt wird …“. (Wolfgang Huber)

Hans Stimmann gehört ebenfalls zu den Befürwortern der Rückgewinnung des alten Standortes. Als Senatsbaudirektor und als Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung konzipierte er unter anderem das Planwerk Innenstadt und setzte sich nachdrücklich für eine kritische Rekonstruktion der Stadtmitte ein. Sie müsse sich am historischen Grundriss und an der lokalen Bautypologie orientieren, forderte Stimmann. Es verging mehr als ein Jahrzehnt, bis im Jahr 2016 der Bebauungsplan für diese Stadtregion endlich beschlossen wurde. Hans Stimmann, mittlerweile zum Mahner geworden, beklagte in einem Fachzeitschriftenartikel im Jahr 2015, dessen Überschrift „Von der Staatsmitte zur Stadtmitte“ lautete, dass Berlin sich gegenüber seiner heutigen Stadtmitte unentschlossen und desinteressiert zeige. Er zog zum Vergleich die Anstrengungen anderer deutscher Städte bei der Rekonstruktion ihrer Innenstädte heran, wie zum Beispiel Dresden, Frankfurt am Main oder Lübeck. Auch in dieser Ausstellung werden die Beispiele anderer rekonstruierter Städte zum Vergleich herangezogen.

Die Rekonstruktion des Berliner Schlosses, lange Zeit kontrovers diskutiert, wird nach der Fertigstellung des Baus sicherlich auch die Debatte um die Rekonstruktion der Berliner Innenstadt weiter voranbringen.

Zur Berliner Situation sagte Stimmann, ich zitiere:

… „vergleicht man dies mit der relativen Berliner Interesselosigkeit, mit der dieses Projekt bisher in Berlin begleitet wird, dann weiß man, wie gründlich und erfolgreich hier das Stadtgedächtnis unter dem Asphalt des Grunerstraßen-Durchbruchs begraben wurde“.

Stimmann prangerte auch die fehlende öffentliche Debatte über den Großen Jüdenhof und die Rekonstruktion des Molkenmarkts an und äußerte sich zum Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster wie folgt:

„Wo ist das öffentliche Engagement für die Wiedereinrichtung der bedeutendsten Bildungsstätte des Berliner Bürgertums, des Gymnasiums zum Grauen Kloster?“

Die Geschichtsvergessenheit in dieser Stadt hinterlässt viele Fragen und Lücken.

Eine dieser Lücken füllt nun erfreulicherweise die heutige Veranstaltung, für deren Initiative ich mich sehr bei den Organisatoren des „Forum-Stadtbild“ bedanke, besonders bei Frau Schäfer-Junker und Herrn Krüger. Wie beim Förderverein sind alle Akteure ehrenamtlich Engagierte. Schade, dass es erst durch eine private und ehrenamtliche Initiative dazu kommt, dass die Debatten um die Zukunft der alten Schule endlich wieder in die Öffentlichkeit getragen werden. Wo ist die Politik? Wo sind die Medien?

Wer hier in der Stadtmitte zu tun hat oder hier arbeitet, kommt nicht umhin, gelegentlich die Grunerstraße passieren zu müssen. Man tut dies meistens ziemlich schnell und in Hast wegen der heranrasenden Autos. Viele Menschen nehmen diesen Ort gar nicht wahr, sie wissen nicht um seine Geschichte. Es sei denn, sie biegen von der Grunerstraße in die Klosterstraße ab und werden der Ruine gewahr und auch der dahinter liegenden Parochialkirche. Dank der Spenden der Wall AG ist sie nun wieder ein weithin sichtbarer Orientierungspunkt geworden. An der Grunerstraße jedoch reihen sich konfektionierte Malls, die abstoßende Fassade eines Parkhauses und eine verwahrloste Grünfläche aneinander. Da verlässt man den Ort schnell wieder.

Hier, an der Parochialkirche und auf dem alten Kirchhof, der durch seine Restaurierung nun wieder zu einem Ruhe- und Anlaufpunkt in der Klosterstraße geworden ist, tritt man in eine etwas andere Welt ein. Um die Klosterruine bemüht sich der Verein Klosterruine e.V., um zumindest die Klosterruine wieder ins kollektive Gedächtnis zurückzuholen. Der Film über die Geschichte der Klosterruine ist sehenswert, er klammert aber die restliche Bebauung nahezu völlig aus, unter anderem auch die alte Schule. Immerhin war die Klosterkirche das Zentrum des einstigen Ensembles, heute würde man von einem Bildungscampus sprechen.

Planungsvariante aus der Machbarkeitsstudie
Abbildung: Herwarth + Holz

Für und Wider Schulbau

Der Förderverein hat im Jahre 2010 eine Machbarkeitsstudie anfertigen lassen, die Sie auch auf den Roll-Ups sehen können. Vielfach wird behauptet, dass dieser Ort keine dichte Bebauung gestatte, da sonst die Ruine gefährdet sei und die Grünfläche verschwinden würde. Maritta Tkalec hat am 2. Juli 2018 in der Berliner Zeitung unter der Überschrift „Im guten Geist des Grauen Klosters“ einen Artikel zum Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster geschrieben. Sie erinnert daran, dass vor 50 Jahren die DDR-Führung unter Ulbricht die letzten Reste der ältesten Schule Berlins plattmachen ließ. Sie brach mit einer 400-jährigen Tradition – zugunsten einer Autotrasse .

Ruine der Klosterkirche, links der aktuelle Zustand, rechts der Zustand nach dem zweiten Weltkrieg
Foto: links: Benjamin Gutzler, rechts: Landesbildstelle Berlin

Die Fotos des Ensembles vor der Zerstörung und nach der Zerstörung lassen deutlich erkennen, dass die Kirchenruine in der historischen Bebauung einen zentralen Platz einnahm, das heißt, dass die Bebauung eine sehr dichte war. Aber natürlich gab es damals die Grunerstraße nicht – die Klosterstraße war die entscheidende Achse.

Das zerstörte Areal um die Klosterkirche nach dem 2. Weltkrieg

Foto: Landesbildstelle Berlin

Der B-Plan (Bebauungsplan) sieht in seinen Planungen auf dem Klosterareal einen Schulbau vor (siehe Roll-Ups). Aber ein Teil der Fläche soll Grünfläche bleiben. Selbst bei dem nun beginnenden Rückbau der Grunerstraße ist der Raum für eine zu errichtende Schule knapp. Die Ausrichtung der Baukörper zur Grunerstraße hin bedeuten eine hohe Lärmbelastung. Das Landesdenkmalsamt (LDA) argumentiert stark für die Erhaltung der Klosterkirchenruine als Soltär, das heißt ein Schulbau ist für das LDA derzeit kaum vorstellbar. Auch sind die Planungen für Grabungen in diesem Bereich bedauerlicherweise sehr weit nach hinten verschoben worden. Das würde bedeuten, dass es vorläufig keinen Schulbau geben wird. Das Gebäude, das sich an das Areal der Klosterruine anschließt, gehört schließlich dem Berliner Senat, es ist derzeit vermietet.

Das sind die Rahmenbedingungen – sie sind nicht gerade günstig. Teilweise ergeben sie sich aus den Folgen des 2.Weltkrieges und aus der Teilungsgeschichte der Stadt, teilweise sind sie auch der derzeitigen politischen Bewertung dieses Areals, dieses Projektes, geschuldet. Einen weiteren reinen Gedenkort benötigt diese Stadt unserer Meinung nach nicht, davon haben wir viele. Aber einen lebendigen Ort mit guter Bildung, in guter Tradition, den kann Berlin gut gebrauchen. Denn diese Stadt, unsere Hauptstadt, braucht nicht nur viele neue Schulen für unsere Neubürger, sondern auch Schulen mit Qualität. Warum tut sich Berlin so schwer damit, diesen Ort wiederbeleben? „Die urbane Silhouette eröffnet Welten und schließt den Himmel“ hat ein Humanist und Pazifist einmal so schön gesagt.

Ausblick

Nach den skizzierten schwierigen räumlichen und politischen Rahmenbedingungen werden Sie natürlich fragen, was für eine Art von Schule soll dort hin und wer finanziert sie?

Die Initiatoren des Fördervereins hatten im Wesentlichen eine Kopie der Schule in Schmargendorf im Sinn, also eine Schwesterschule, die evangelisch, also konfessionell ausgerichtet ist, humanistisch und altsprachlich, also Latein und Griechisch als Kern des Fremdsprachen-Programms vorsieht. Da aber die Pläne für die Errichtung der Schule aufgrund des nicht beschlossenen Bebauungsplans sich weit in die Zukunft verschoben haben, wurde bisher auch nicht entscheidend an einem konkreten Konzept gearbeitet. Nun sind wir im Jahr 2018, unsere Stadt ist gewachsen, sie wächst weiter und hat sich auch sonst sehr verändert, wenn man sie mit den ausgehenden 90er- Jahren vergleicht, als das Planwerk Innenstadt entstand und sich auch der Förderverein bildete.

Deshalb bin ich mit Aussagen, was das Konzept anbelangt, noch etwas vorsichtig. Aufgrund des personellen Wechsels im Vorstand des Vereins stehen wir in dieser Frage noch am Anfang. Soviel will ich aber schon sagen, in weitgehender Übereinstimmung mit meinen Vorstandskollegen:

  • Diese Schule muss wieder ein Gymnasium werden.
  • Die alten Sprachen werden wieder eine wichtige Rolle spielen, aber müssen angemessen in ein Gesamt-Fremdsprachen-Konzept eingebettet werden.
  • Nach meinem Dafürhalten sollte die Schule eine eher interreligiöse/ interkonfessionelle Ausrichtung haben, war doch die alte Schule auch eine städtische Schule, alle Konfessionen wurden dort unterrichtet. Die St. Petri/St. Marien Gemeinde, sozusagen an diesem Ort die Hausherrin, engagiert sich beim House of One, einem interreligiösen Projekt. Auch dies könnte eine Richtung vorgeben.
  • Wer soll das Vorhaben finanzieren? Wer hat 50 Millionen Euro übrig?

Ich glaube, dass es am Ende einer politischen Willensbildung bedarf, um diese Schule wieder zu begründen. Wenn dieser Jahrhunderte alte Ort wieder mit Leben gefüllt wird, dann werden sich auch Menschen finden, die das Geld dafür aufbringen. Deutschland ist ein reiches Land. Auch die Stadt und das Land Berlin sind gefragt. Eine Kooperation freier Träger, der Kirchen und der Wirtschaft könnte ich mir denken – in Anlehnung an den Ausspruch Markus Meckels, dass die Schule weiterlebe, dass sie damit unsterblich sei.

Rede von Brigitte Thies-Böttcher am 12. Oktober 2019 in der Parochialkirche, anlässlich einer Veranstaltung von Forum Stadtbild zum Thema Molkenmarkt und Klosterviertel – ein lebenswerter Ort

Planwerk Innenstadt: Die Wiederbegründung des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster

(Ausschnitt aus dem Masterplan)

Foto: Herwarth + Holz