Ein Bild.

Über­sicht: Plan mit dem histo­ri­schen Baube­stand des Grauen Klos­ters bis zum 2. Welt­krieg. Schraf­fiert ist die Lage des mittel­al­ter­li­chen Kreuz­gangs und des mittel­al­ter­li­chen Ostflü­gels wieder­ge­ben. In blau sind die Grabungs­flä­chen von 2014 einge­zeich­net.

Abbil­dung: Plan­werk Senats­ver­wal­tung Stadt­ent­wick­lung

Das Graue Kloster

Erste Ausgrabungen und Überlegungen zur Neubebauung

— Von Matthias Wemhoff —

Im Jahr 2014 sind erste archäo­lo­gi­sche Vorun­ter­su­chun­gen auf der Nord­seite der Klos­ter­kir­che vorge­nom­men worden. Sie dien­ten vorran­gig dem Zweck, die Erhal­tung von Mauer­werk und ande­ren Befun­den im Unter­grund zu klären. Daher sind jetzt erste Aussa­gen darüber möglich, welchen Umfang Grabun­gen vor einer Neube­bau­ung anneh­men können und welche Möglich­kei­ten zur Erhal­tung von Resten des „Grauen Klos­ters“ vorhan­den sind.

Die klei­nen Sonda­gen, zu denen Gunnar Nath einen Vorbe­richt für die Zeit­schrift „Archäo­lo­gie in Berlin und Bran­den­burg 2014“ verfasst hat, sind auf drei Berei­che beschränkt geblie­ben (Abbil­dung oben). Direkt an der Nord­wand der Kirche konn­ten Boden­ho­ri­zonte, Mauer­werk und Ansätze der Stre­be­pfei­ler des Kreuz­gan­ges aus der Zeit um 1300 frei­ge­legt werden. Sie waren erstaun­lich gut erhal­ten.

Die zweite Sondage betraf den Bereich der südli­chen Außen­wand des Kapi­tel­hau­ses. Hier waren sogar noch Mauern des Kreuz­gan­ges anzu­tref­fen, der in das im 15. Jahr­hun­dert errich­tete, präch­tige Kapi­tel­haus einbe­zo­gen worden ist. Auch die Umbau­ten des 19. Jahr­hun­derts hatten ihre Spuren hinter­las­sen.

Bei den Unter­su­chun­gen im Osten des Gelän­des wurden zwei Funda­ment­mau­ern aus dem 19. Jahr­hun­dert frei­ge­legt. Reste des mittel­al­ter­li­chen Osttrak­tes könn­ten sich noch außer­halb des Grabungs­schnit­tes erhal­ten haben.

Die Vorun­ter­su­chun­gen haben gezeigt, dass vor einer Neube­bau­ung eine voll­stän­dige und gründ­li­che Ausgra­bung notwen­dig ist. Nur die U‑Bahn Trasse ist davon ausge­nom­men. Bei der Ausgra­bung muss dann auch entschie­den werden, welche Funda­mente insbe­son­dere von jünge­ren Baumaß­nah­men erhal­ten und welche zur Klärung der älte­ren Bauzu­stände abge­tra­gen werden sollen. Gerade die Sondage am Kapi­tel­haus verdeut­licht, dass sowohl vom Kapi­tel­haus als auch vom Kreuz­gang noch aussa­ge­kräf­tige und präsen­ta­ble Funda­mente und sogar Teile der aufge­hen­den Wände vorhan­den sind.

In den Diskus­sio­nen auf der Grabung und im Gespräch mit Mitglie­dern des Freun­des­krei­ses des Grauen Klos­ters wurde immer wieder die Frage gestellt, welche Konse­quen­zen sich aus den Befun­den für einen mögli­chen Neubau erge­ben. Für die Boden­denk­mal­pflege steht natür­lich der Erhalt der archäo­lo­gi­schen Denk­mä­ler im Vorder­grund. Gerade im Falle des Grauen Klos­ters ist die Idee des Bauvor­ha­bens ja wesent­lich aus der Anknüp­fung an die Geschichte des Ortes heraus entwi­ckelt worden. Daher kommt dem Erhalt, aber auch der Präsen­ta­tion von origi­na­len bauli­chen Zeug­nis­sen hier eine beson­dere Bedeu­tung zu. Eine gute Vergleichs­mög­lich­keit bietet der Umgang mit den bauli­chen Über­res­ten des Berli­ner Schlos­ses. Nach der Ausgra­bung des gesam­ten Areals ist im Rahmen einer Abwä­gung entschie­den worden, welche Berei­che beson­ders gut die histo­ri­schen Phasen der Schloss­nut­zung wider­spie­geln. Schließ­lich ist eine Zone von ca. 800 m² ausge­wählt worden, die erhal­ten geblie­ben ist und demnächst besucht werden kann.

Der Vergleich zeigt, dass erst eine Ausgra­bung des gesam­ten Areals die notwen­dige Planungs­si­cher­heit geben kann. Wenn das Bauvor­ha­ben weiter betrie­ben wird, dann sollte zügig in Abstim­mung mit der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung die Ausgra­bung geplant werden. Anschlie­ßend kann dann entschie­den werden, welche Baustruk­tu­ren erhal­ten oder sogar in die Neube­bau­ung einbe­zo­gen werden können. Dabei wird eine Sicht­bar­keit etwa mittel­al­ter­li­cher Kreuz­gang­be­rei­che oder von Resten des Kapi­tel­hau­ses eine erheb­li­che Aufwer­tung des Bauvor­ha­bens mit sich brin­gen.

Histo­ri­sche Planung: Skizze von Bodo Kütt­ler, Vorschlag zum Wieder­auf­bau des Klos­ters, 1954

Archäo­lo­gi­sche Ausgra­bun­gen können aber nicht nur einzelne Funda­mente in eine Neube­bau­ung einbrin­gen. Sie lenken den Blick auf die indi­vi­du­elle, einzig­ar­tige Bauent­wick­lung eines Ortes und geben gerade bei einem Total­ver­lust ober­tä­gi­ger Zeug­nisse wich­tige Hinweise, wie eine Neube­bau­ung an die Genese des Ortes anknüp­fen kann. Dafür haben uns bereits die klei­nen Sonda­gen etwas die Augen geöff­net.

Nicht zufäl­lig hat die Schule nie die Anbin­dung an das Klos­ter verlo­ren. Der Name „Graues Klos­ter“ ist geblie­ben. Es ist daher von großer Wich­tig­keit, bei einer Neube­bau­ung eine Orien­tie­rung an den klos­ter­zeit­li­chen Gebäude-struk­tu­ren anzu­stre­ben. An erster Stelle ist dabei der Kreuz­gang zu nennen. Er ist zwar in weiten Teilen schon bei Baumaß­nah­men im 19. Jahr­hun­dert abge­ris­sen worden, für die Raum­struk­tur ist er jedoch prägend gewe­sen, und er sollte den Nukleus einer jeden Neube­bau­ung bilden. Das zweite Gebäude, das gera­dezu ein Wahr­zei­chen des Grauen Klos­ters bildete, ist das Kapi­tel­haus. Auch wenn die ursprüng­li­che Zweck­be­stim­mung dieses aufwän­di­gen, zwischen 1471 und 1474 errich­te­ten Gebäu­des bis heute nicht geklärt ist, so sind doch die beiden über­ein­an­der­lie­gen­den Säle ein eindrucks­vol­les Selbst­zeug­nis der Bedeu­tung dieses wich­tigs­ten Berli­ner Klos­ters gewe­sen. Die Wieder­errich­tung eines Gebäu­des in den Maßen des Kapi­tel­hau­ses in einer wie auch immer gear­te­ten Bezug­nahme zur ursprüng­li­chen Gestal­tung ist aus meiner Sicht eine gera­dezu selbst­ver­ständ­li­che Vorgabe für einen Wett­be­werb in diesem Areal. Der dritte große klös­ter­li­che Baukör­per ist der Nord­flü­gel gewe­sen. Dieses soge­nannte Lang­haus mit 69 Metern Länge und 15,5 Metern Breite entstand unmit­tel­bar vor der Refor­ma­tion, die lang­fris­tig das Ende des blühen­den Konven­tes mit sich brachte. Ein solches „Lang­haus“ könnte eben­falls eine gute Bauidee für die schu­li­sche Neube­bau­ung liefern. Ob sich vom Lang­haus noch Funda­mente unter der heuti­gen Grun­er­straße erhal­ten haben, müssen die Ausgra­bun­gen noch klären.

Kriegs­fol­gen: Luft­auf­nahme des Klos­ter­ge­län­des von 1947
Foto: Landes­bild­stelle Berlin

Diese recht nahe­lie­gen­den Anfor­de­run­gen an ein zukünf­ti­ges Bauvor­ha­ben sind keines­wegs neu. Schon nach den Zerstö­run­gen des 2. Welt­krie­ges wurde im Ostteil der Stadt über eine Neube­bau­ung nach­ge­dacht. Die Bombar­die­run­gen des Krie­ges haben keines­wegs alle Gebäu­de­teile zerstört. 1947 stan­den noch weite Teile des Kapi­tel­hau­ses und des Lang­hau­ses (Abbil­dung links unten). Sogar die U‑Bahn wurde 1951 in enger Kurve um das Kapi­tel­haus herum­ge­führt. Bis 1965 sind viele Ruinen auf dem Gelände abge­tra­gen worden, die mittel­al­ter­li­chen Außen­wände des Kapi­tel­hau­ses und das Erdge­schoss des Lang­hau­ses (Abbil­dung rechts) wurden aber sorg­fäl­tig konser­viert und gesi­chert. Diese Berei­che wurden auch vom Bereich Denk­mal­pflege des Chef­ar­chi­tek­ten des Ost-Berli­ner Magis­trats als erhal­tens­wert ange­se­hen. Zur glei­chen Zeit, als der Chef­ar­chi­tekt Hermann Hensel­mann die Stalin­al­lee baute, unter­brei­tete der in der Denk­mal­pflege tätige Dipl. Ing. Bodo Kütt­ler einen Vorschlag zum Wieder­auf­bau des Grauen Klos­ters (Abbil­dung links oben). Dieser Vorschlag ist aus meiner Sicht bis heute äußerst beden­kens­wert. Er sieht bereits einen Gang in genauem Lage­be­zug zum Kreuz­gang vor und ebenso die Nutzung der Reste des Kapi­tel­hau­ses und des Lang­hau­ses. Der Ostflü­gel wird in Bezug zum mittel­al­ter­li­chen Ostflü­gel in direk­tem Anschluss an den Kreuz­gang errich­tet. Sein Vorschlag sieht auch die Einbe­zie­hung der Kirchen­ruine vor. Dieser Vorschlag ist noch im Ange­sicht der mittel­al­ter­li­chen Bauzeug­nisse von Kapi­tel­haus und Lang­haus entstan­den. Bis 1968 konn­ten sie dank des Einsat­zes der Denk­mal­pflege gesi­chert werden, dann muss­ten sie der über­di­men­sio­nier­ten ‑Grun­er­straße weichen. Ein Bezug auf diese damals beab­sich­tigte Weichen­stel­lung wäre auch eine Refe­renz an diese wegwei­sende Planung.

Nach­kriegs­zeit: Ansicht des Klos­ter­ge­län­des mit der Ruine des Kapi­tel­hau­ses und den Erdge­schoss­mau­ern des ­Lang­hau­ses von Südwest nach der Restau­rie­rung 1963
Foto: Landes­bild­stelle Berlin

Eine Wieder­an­knüp­fung an die schu­li­sche Tradi­tion ist an dieser Stelle auch aus archäo­lo­gi­scher Sicht sehr sinn­voll. Nur so kann die enorme Bedeu­tung des Klos­ters für Berlin in der Stadt wahr­nehm­bar werden. Die Ruine der Kirche kann in diesem Umfeld diese Aufgabe nicht allein bewäl­ti­gen. Eine funk­tio­na­lis­ti­sche, allein an heuti­gen Bedürf­nis­sen orien­tierte Archi­tek­tur wird dem Ort aber nicht gerecht werden. Die Bauidee sollte aus der Kennt­nis der histo­ri­schen Bauent­wick­lung gespeist sein und die bewusste Anknüp­fung an diese suchen. Die Einbin­dung archäo­lo­gi­scher Befunde wird dann anschau­lich und nach­voll­zieh­bar den Schü­lern der Schule aber auch allen Berli­nern vermit­teln, in welcher Tradi­tion das neue Graue Klos­ter am alten Stand­ort steht.

© DAS GRAUE KLOSTER 2015, erschie­nen im Juni 2016, Seite 31 ff.

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