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Markus Meckel war von 1990 bis 2009 Mitglied des Bundes­tags und ist Präsi­dent des Volks­bun­des Deut­scher Kriegs­grä­ber­für­sorge e.V. Weitere Infor­ma­tio­nen zum Fest­red­ner im Inter­net unter www.markusmeckel.eu
Foto: Benja­min Gutz­ler

Und es bestand dennoch weiter

Festrede von Markus Meckel, ehemaliger Klosteraner und ehemaliger Außenminister der DDR

Wir bege­hen heute fest­lich den 50. Jahres­tag der Über­nahme der altehr­wür­di­gen Tradi­tion des Grauen Klos­ters an dieser Schule [Evan­ge­li­sches Gymna­sium zum Grauen Klos­ter in Berlin-Wilmers­dorf], einer Tradi­tion über weit­aus mehr als vier Jahr­hun­derte. Nur wenige andere Schu­len im Osten Deutsch­lands weisen eine solche Tradi­tion auf, wie etwa Schul­pforta in Thürin­gen oder die Francke­schen Stif­tun­gen in Halle. Diese Tradi­tion zu feiern ist nun wirk­lich ein beson­de­rer Anlass. 

Dass Sie zu diesem Tag jeman­den zur Fest­rede einla­den, der zwar der Tradi­tion des Grauen Klos­ters verbun­den ist, aber nie Schü­ler an dieser Schule hier war, verstehe ich als ein deut­li­ches Signal der Offen­heit für die mit diesem Erbe verbun­de­nen Fragen. Das begrüße ich sehr und stehe jetzt wirk­lich von Herzen gern hier.

Von 1967 – 1969 war ich selbst Schü­ler des Grauen Klos­ters – und zwar im Osten der Stadt, in jener Zeit also, als die Schule dort diesen Namen nicht mehr tragen durfte. Trotz­dem war uns Jugend­li­chen, bestärkt durch einige unse­rer Lehrer, stolz bewusst, in dieser beson­de­ren Tradi­tion zu stehen. Hier sitzen heute auch noch andere mit im Raum, die eben diese Erfah­rung teilen. Knut Elster­mann, der knapp zehn Jahre nach mir noch ihr Schü­ler war, hat unter ande­rem genau diese Erfah­rung in seinem Buch Klos­ter­kin­der sehr eindrück­lich – weil sehr persön­lich und zugleich histo­risch zutref­fend – beschrie­ben. 

In den Jahren des Kalten Krie­ges nach dem Mauer­bau gab es sowohl im Osten als auch im Westen Berlins Hunderte von Schü­lern, hier wohl sogar Tausende, die mit Über­zeu­gung im Grauen Klos­ter lern­ten – aber sie wuss­ten nichts oder wenig vonein­an­der. 

Chris­tian-Fried­rich Collatz, einer meiner dama­li­gen Mitschü­ler, erzählte mir beispiels­weise, dass er vom Evan­ge­li­schen Gymna­sium zum Grauen Klos­ter im ande­ren Teil der Stadt erst erfuhr, als Verwandte eine Jubi­lä­ums­brief­marke aus dem Westen schick­ten. Nach 1989 war das Erstau­nen entspre­chend groß, als viele erst dann entdeck­ten, dass es da ja seiner­zeit auch die ande­ren gab. Natür­lich – wie sollte es anders sein – kam damit auch die Frage auf, wie berech­tigt die jeweils andere Seite denn über­haupt dieses Bewusst­sein, „Klos­te­ra­ner“, ehema­li­ger Schü­ler des Grauen Klos­ters zu sein, in sich tragen dürfe. Ich weiß, dass bei dem einen oder ande­ren auch gegen­wär­tig noch dies­be­züg­li­che Zwei­fel bestehen. Übri­gens fußen beide Perspek­ti­ven auf guten Argu­men­ten: 

Die einen können sagen: 1958 erfolgte die Umbe­nen­nung des Berli­ni­schen Gymna­si­ums zum Grauen Klos­ter in der Nieder­wall­straße in 2. Erwei­terte Ober­schule Berlin Mitte. Auf diese Weise brach die SED eine von ihr unge­liebte Tradi­tion ab und unter­warf die Schule dem sozia­lis­ti­schen Bildungs­sys­tem. 

Die ande­ren können sagen: Was hat denn das Evan­ge­li­sche Gymna­sium zum Grauen Klos­ter im Grune­wald mit der Geschichte des Grauen Klos­ters zu tun, das war doch nur eine reine Okku­pa­tion, eine Anma­ßung!

Beide Ansich­ten leuch­ten formal ein – und doch glaube ich, beide grei­fen zu kurz. Schauen wir zurück auf die Vorgänge Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre:

Deutsch­land war nach den Schre­cken, die von uns Deut­schen in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus und des 2. Welt­krie­ges ausge­gan­gen sind, geteilt. Geteilt war damit auch diese Stadt. West-Berlin galt – als der freie und demo­kra­ti­sche Teil – als Vorpos­ten des Westens. Gleich­zei­tig war es Symbol der Hoff­nung und Ziel für viele im Osten, die unter den zuneh­mend schwie­ri­gen Verhält­nis­sen kommu­nis­ti­scher Herr­schaft litten. Mehr als 2 Millio­nen Menschen verlie­ßen bis zum Mauer­bau die DDR und gingen in den Westen, nicht zuletzt über West-Berlin. 

Wer in Ost-Berlin lebte, schickte nicht selten seine Kinder im Westen aufs Gymna­sium. Zugleich gab es das Graue Klos­ter, das nach der Zerstö­rung durch Bomben schließ­lich in der Nieder­wall­strasse seine Arbeit fort­setzte (in dem Gebäude einer frühe­ren Berufs­fach­schule für das Konfek­ti­ons­ge­werbe). Es behielt nicht nur seinen alten, berühm­ten Namen, es führte sein huma­nis­ti­sches Erbe fort, Grie­chisch und Latein gehör­ten weiter zum Lehr­plan. 

Aller­dings war der Druck von außen groß. Während die Schule in der NS-Zeit ziem­lich „durch­bräunt“ war, sollte sie nun in die sich sozia­lis­tisch nennende Welt einge­fügt und ange­passt werden. Das führte zu viel­fäl­ti­gen Schwie­rig­kei­ten, denn Lehrer und Schü­ler fühl­ten sich weit­ge­hend einem ande­ren Erbe verpflich­tet. 

Der Tradi­tion folgend war der jewei­lige Propst von St. Marien Epho­rus des Berli­ni­schen Gymna­si­ums und gleich­zei­tig Reprä­sen­tant der Streit­schen Stif­tung, die das Vermö­gen verwal­tete. Allein schon dies passte natür­lich über­haupt nicht ins Bild eines sozia­lis­ti­schen Schul­be­trie­bes. 

Es war Hein­rich Grüber, der in den fünf­zi­ger Jahren als Propst die eben benann­ten Funk­tio­nen inne­hatte. Er genoss allge­mein große Achtung, nicht zuletzt wegen seines Einsat­zes für die verfolg­ten Juden in der NS-Zeit, weswe­gen er in den Konzen­tra­ti­ons­la­gern Dachau und Sach­sen­hau­sen inhaf­tiert war. Selbst ein solcher Mann hinderte die sozia­lis­ti­sche Schul­be­hörde aber nicht daran, seinen Einfluss und damit den der Kirche zurück­zu­drän­gen. In diesem Zusam­men­hang muss auch der Rolle von Bischof Dibe­lius und seines streit­ba­ren Enga­ge­ments gedacht werden. Die evan­ge­li­sche Kirche war ja in dieser Zeit auch insti­tu­tio­nell noch eins in Ost und West, es gab also eine Synode und einen Bischof! Mit dem Mauer­bau wurde es dann bekann­ter­ma­ßen zuneh­mend schwe­rer, dies prak­tisch aufrecht­zu­er­hal­ten.

Der Anteil an FDJ-Mitglie­dern war am Grauen Klos­ter – für das Regime – erschre­ckend nied­rig. Wohl auch deshalb wurde 1954 neben dem altsprach­li­chen C‑Zweig ein R‑Zweig etabliert. Das waren Klas­sen mit verstärk­tem Russisch­un­ter­richt. Dies wiederum zog dann auch vermehrt Kinder aus der kommu­nis­ti­schen Elite an, womit sich an der Schule eine unver­wech­sel­bare Mischung ergab. Die tradi­tio­nelle Prägung und das Bildungs­ni­veau verlie­hen dieser Schule im sozia­lis­ti­schen Umfeld den Ruf des Beson­de­ren und eine große Anzie­hungs­kraft. 

Ein hoher Anteil der Schü­ler gehörte zur Jungen Gemeinde, sie war in der Jugend­ar­beit der evan­ge­li­schen Kirche aktiv. Das führte in den Zeiten des Kirchen­kamp­fes 1952/​53 zu vielen Konflik­ten. Immer wieder wurden unbot­mä­ßige Schü­ler rele­giert, also der Schule verwie­sen (so erging es mir ja selbst dann 1969 auch). Wer sein Abitur erhielt, steu­erte anschlie­ßend nicht selten direkt den Westen an – 1957 soll es sogar ein fast voll­stän­di­ger Jahr­gang gewe­sen sein. 

Der Rektor des Berli­ni­schen Gymna­si­ums, Prof. Plage­mann, ein renom­mier­ter Altphi­lo­loge und Autor eines latei­ni­schen Schul­buchs, kämpfte für den Erhalt der Tradi­tion als einer leben­di­gen Reali­tät. Für die einen, die Mehr­heit der Lehrer und Schü­ler, war die Schule ein Refu­gium huma­nis­ti­scher Bildung, für die Herr­schen­den jedoch zuneh­mend Relikt einer als reak­tio­när charak­te­ri­sier­ten Tradi­tion. 

Am 15. Juni 1958 erklärte Walter Ulbricht in seiner Rede vor dem ZK der SED: „Es gibt eine Ober­schule, das ‚Graue Klos­ter‘, von der 27 Prozent der Schul­ab­gän­ger nach West­ber­lin und West­deutsch­land gehen. Das heißt, wir bilden tatsäch­lich einen Teil der Jugend­li­chen für West­deutsch­land aus. Sie spre­chen auch während des Unter­richts ganz offen darüber, dass sie die Absicht haben, nach Been­di­gung der Studi­en­zeit nach West­deutsch­land zu gehen. Unter diesen Bedin­gun­gen steht also die Frage: Wie sollen diese Quel­len der Repu­blik­flucht verstopft werden?“

Nach diesem Angriff ließ der Voll­zug der Exeku­tive nicht lange auf sich warten. Am 20. Juni 1958 fasste der Magis­trat den Beschluss der Umbe­nen­nung und Umge­stal­tung der Schule. Beinahe die Hälfte der Lehrer musste die Schule verlas­sen. Rektor Plage­mann wurde in den Ruhe­stand versetzt und sein staats­treuer Stell­ver­tre­ter Walter Franz, schon lange bemüht, die „reak­tio­nä­ren“ Tradi­tio­nen zurück­zu­drän­gen, über­nahm das Direk­to­ren­amt. Damit schien das Erbe des Grauen Klos­ters an der Schule besei­tigt. So jeden­falls war es offi­zi­ell und recht­lich. 

Elster­mann formu­liert in seinem bereits erwähn­ten Buch auf Seite 217 sehr zutref­fend: „Das Graue Klos­ter hatte aufge­hört zu exis­tie­ren, und es bestand dennoch weiter.“ Zu dieser letz­ten Behaup­tung komme ich gleich.

Die Verei­ni­gung ehema­li­ger Klos­te­ra­ner, ein bis heute akti­ver Verein, gegen­wär­tig vertre­ten durch den Vorsit­zen­den Georg Dybe, wie auch die Evan­ge­li­sche Kirche bemüh­ten sich seiner­zeit darum, dass die Jahr­hun­derte alte Tradi­tion im Westen aufge­nom­men und weiter­ge­führt würde. Nach verschie­de­nen ande­ren Über­le­gun­gen fiel die Wahl auf das Evan­ge­li­sche Gymna­sium im Grune­wald, das schon vorher in gewis­ser Weise Auffang­be­cken für aus dem Osten geflo­hene Schü­ler war und ihnen einen Anschluss an das west­li­che Bildungs­sys­tem ermög­lichte. Ihr dama­li­ger Direk­tor Hans Seeger spielte dabei eine aktive Rolle. Bei dem Fest­akt der Tradi­ti­ons­über­nahme 1963 hiel­ten schließ­lich auch Bischof Dibe­lius und Propst Grüber eine Rede.

Über die nun 50 zurück­lie­gen­den Jahre dieses Hauses kann ich wenig sagen. Das wird nach­her im Podium eine Rolle spie­len. Ich kann Ihnen nur davon erzäh­len, wie es im Osten der Stadt, in der Nieder­wall­straße, weiter­ging, denn es ging weiter mit dieser Tradi­tion, die Verwal­tungs­ent­schei­dung des kommu­nis­ti­schen Staa­tes konnte das leben­dige Bewusst­sein der betrof­fe­nen Lehrer und Schü­ler nicht auslö­schen.

Lehrer wie Schü­ler waren von den will­kür­li­chen Entschei­dun­gen der SED und der Schul­be­hör­den 1958 über­rascht worden. Norbert Meis­ner, der spätere West-Berli­ner Sena­tor, machte damals gerade sein Abitur und berich­tete später über diese Vorgänge. Er beschrieb zum Beispiel, dass die FDJ-Voll­ver­samm­lung die Entschei­dung begrü­ßen sollte – doch das waren fast ausschließ­lich die Schü­ler der Russisch-Klas­sen. Er selbst gehörte zu den Schü­lern des C‑Zweiges (also zu den die Tradi­tion verkör­pern­den Altsprach­lern, die mehr­heit­lich nicht FDJ-Mitglie­der waren) und forderte mit seinen Mitstrei­tern in einer Unter­schrif­ten­samm­lung eine Schü­ler­voll­ver­samm­lung. Dem folg­ten massive Einschüch­te­rungs­ma­nö­ver, mit dem Resul­tat, dass diese nicht statt­fand – und er hier am Gymna­sium im Grune­wald seine Schul­lauf­bahn been­dete (noch vor der Tradi­ti­ons­über­nahme). 

Was im Selbst­ver­ständ­nis der Akteure im Westen eine Rettung der alten Tradi­tion des Berli­ni­schen Gymna­si­ums zum Grauen Klos­ter war, die man nicht ster­ben lassen wollte, stellte sich für manche der Schü­ler im Osten als unbe­rech­tigte Anma­ßung dar. So wurde mir erzählt, dass etwa Lothar de Maiziere, später mein Koali­ti­ons­part­ner in der letz­ten, frei gewähl­ten DDR-Regie­rung, bis heute sehr emotio­nal auf diese dama­li­gen Vorgänge reagiert. Hermann Simon, Direk­tor des Centrum Judai­cum, könnte über diese kriti­sche Stim­mung mehr erzäh­len.

Unab­hän­gig von solchen – durch­aus verständ­li­chen – Emotio­nen aber gilt es anzu­er­ken­nen: Seit­dem gab es also zwei Orte, an denen die Tradi­tion des Grauen Klos­ters bewusst bewahrt wurde und Schü­ler sich affir­ma­tiv auf sie bezo­gen – hier im Westen ganz offi­zi­ell mit den besse­ren Möglich­kei­ten einer funk­tio­nie­ren­den Insti­tu­tion in einem demo­kra­ti­schen Gemein­we­sen, im Osten dage­gen als bildungs­bür­ger­li­che Subkul­tur – immer auch ein Stück unbe­stimmt und subver­siv, mehr in den Köpfen der verschie­de­nen Schü­ler­ge­nera­tio­nen und in den Versu­chen eini­ger Lehrer, diese trotz aller offi­zi­el­len Ideo­lo­gie faktisch fort­zu­füh­ren. 

Ich selber war mir in den Jahren am Grauen Klos­ter durch­aus bewusst, Teil einer alten Tradi­tion zu sein und iden­ti­fi­zierte mich mit ihr, wenn­gleich ich dies Bewusst­sein – rück­bli­ckend betrach­tet – auch als „etwas diffus“ bezeich­nen würde. Ich wusste, dass Johann Crüger, Johann Gott­fried Scha­dow, Fried­rich Schlei­er­ma­cher, Karl Fried­rich Schin­kel und auch Otto von Bismarck an dieser Schule waren – aber wenig von den Bildungs­kon­zep­tio­nen frühe­rer Zeiten. Mir waren die alten Spra­chen wich­tig, denn ich wollte Theo­lo­gie studie­ren! 

Auch in meiner Klasse am Grauen Klos­ter trafen Schü­ler aus ganz verschie­de­nen geis­ti­gen und poli­ti­schen Hinter­grün­den aufein­an­der – also aus stark kirch­lich gepräg­ten Eltern­häu­sern, andere aus wiederum bewusst und über­zeugt kommu­nis­ti­schen Fami­lien.

Unser Klas­sen­lei­ter, Dr. Karl Jüling, drang auf argu­men­ta­tive Ausein­an­der­set­zung. Ein Jahr lang fragte er mich, den 15-Jähri­gen, jede Woche zur Polit­in­for­ma­tion nach meiner Meinung zum jewei­li­gen Thema. Als er diese dann frank und frei bekam, disku­tierte er mit mir, bis ich argu­men­ta­tiv schach­matt war. Am Ende des Schul­jah­res – ich weiß das noch heute – thema­ti­sierte er die Erhö­hung des Zwangs­um­tau­sches für Besu­cher aus West-Berlin – und hatte schließ­lich selbst keine Argu­mente mehr. Ich bin damals sehr stolz nach Hause gegan­gen!

Wir dama­li­gen Schü­ler verehr­ten und vereh­ren diesen Lehrer bis in die Gegen­wart hinein, versuchte er doch, uns zu mündi­gen und selbst­be­stimm­ten Menschen zu erzie­hen, an einer sozia­lis­ti­schen Schule keines­wegs eine Selbst­ver­ständ­lich­keit.

Ich denke auch an den genia­len Kurt Kubitzky, mit dem Mathe­ma­tik zur Freude werden konnte, jeden­falls ging es mir so. Oder an Dr. Peter Helms, der als Altphi­lo­loge einen Glücks­fall für die Schule darstellte, weil er der Garant dafür war, dass nicht nur die alten Spra­chen, sondern auch anti­kes Denken im Unter­richt leben­dig wurde. Nicht wenige in der Klasse woll­ten ja Archäo­lo­gen werden und lern­ten bei ihm, im Alten Neues zu entde­cken und geis­ti­gen Zusam­men­hän­gen nach­zu­spü­ren.

Ein wich­ti­ger Träger der alten Tradi­tion war auch der lang­jäh­rige und Genera­tio­nen prägende Musik­leh­rer Gerhard Plüschke. Er baute Chor und Orches­ter auf, jeweils in mehre­ren Spar­ten, machte Konzert­rei­sen, schuf Heimat im Musi­schen und Zusam­men­halt jenseits der Ideo­lo­gie. Für viele unver­gess­lich war die Erar­bei­tung der Oper von Brecht und Weill Der Ja-Sager und der Nein-Sager, die dann auch im Brecht-Thea­ter am Schiff­bau­er­damm zur Auffüh­rung kam, ein Riesen­er­folg wurde und sogar Erwäh­nung in der inter­na­tio­na­len Presse fand. 

Auch nach 1958 gab es an dieser Schule im Osten immer ‑wieder Beispiele selbst­stän­di­gen Denkens und wider­stän­di­gen Verhal­tens. So weigerte sich die FDJ-Gruppe meiner Klasse 1968, eine Zustim­mungs­er­klä­rung zum Einmarsch der Trup­pen in die CSSR abzu­ge­ben. Das war unge­wöhn­lich! Zwei Schü­le­rin­nen der Schule, Erika Bert­hold und Rosita Hunzin­ger – beide Kinder von soge­nann­ten „Größen“ in der DDR–Hierarchie – verbrei­te­ten mit Freun­den Flug­blät­ter gegen den Einmarsch. Ich war damals nicht so mutig und schämte mich dafür; ich habe nur deut­lich gesagt, was ich dachte. Allein dies aber reichte dann auch aus, die Schule zwangs­weise verlas­sen zu müssen.

Vieles könnte nun von dieser Schule im Osten und ihrem subver­si­ven Selbst­ver­ständ­nis als „Graues Klos­ter“ noch erzählt werden. Ich würde mir wünschen, dass diese Geschichte einmal syste­ma­tisch aufge­ar­bei­tet wird, dass die Geschich­ten der Betrof­fe­nen zusam­men­ge­tra­gen werden. Denn das Graue Klos­ter im Osten, das seines Namens beraubt war, war mit dieser großen Tradi­tion im Rücken eine wirk­lich beson­dere Schule.

Wir, die wir einst im glei­chen Klas­sen­ver­band lern­ten, halten bis heute regel­mä­ßi­gen Kontakt zuein­an­der. Im vergan­ge­nen Jahr verbrach­ten wir beispiels­weise ein gesam­tes Wochen­ende gemein­sam, um uns ganz spezi­ell darüber auszu­tau­schen, wie jeder Einzelne von uns diese Schul­jahre, die Zeit in der DDR, jene des Umbruchs und die danach erlebte und davon mitge­prägt wurde. Das Vertrauen war trotz der sehr unter­schied­li­chen Herkünfte und Lebens­wege so groß, dass wirk­lich offene und nach­hal­tig beein­dru­ckende Gesprä­che möglich waren. 

Meine Damen und Herren, mir scheint es insge­samt wich­tig, dass die eins­ti­gen Schü­ler aus Ost und West stär­ker in den Austausch kommen über ihre je eige­nen Erfah­run­gen in der Nieder­wall­straße und hier in der Salz­brun­ner Straße, über­haupt mehr vonein­an­der erfah­ren, denn wir gehö­ren heute nun einmal in eine gemein­same Tradi­tion. Deshalb bin ich für die Einla­dung hier­her dank­bar. Ohne die Tradi­ti­ons­über­nahme hier am Evan­ge­li­schen Gymna­sium zum Grauen Klos­ter hätte die Geschichte des Grauen Klos­ters 1984 endgül­tig ihren Abschluss gefun­den, als nämlich diese Schule im Osten mit der Hein­rich-Schlie­mann-Schule zusam­men­ge­legt wurde. 

Wir dama­li­gen Ost-Berli­ner soll­ten uns also freuen, dass diese Tradi­tion, die wir auch als die eigene betrach­ten, hier leben­dig gepflegt wird. Es reicht ja nicht, in einem geschicht­li­chen Zusam­men­hang zu stehen, Tradi­tion entsteht erst, wenn die geis­ti­gen Grund­la­gen als eige­nes Erbe ange­eig­net, leben­dig gehal­ten und in die jeweils eigene Zeit trans­for­miert werden. Das wiederum ist auch eine Frage der Entschei­dung. Die Fort­füh­rung des Grauen Klos­ters an diesem Stand­ort war in gewis­ser Weise schon eine will­kür­li­che Entschei­dung – aber eine segens­rei­che, denn sie hat einer bedeut­sa­men Tradi­tion Zukunft gege­ben. Und gerade das gilt es heute zu feiern.

Von hier ist dann vor Jahren auch die Initia­tive ausge­gan­gen, dafür zu kämp­fen, dass das Graue Klos­ter am alten Stand­ort bei der Klos­ter­kir­che wieder entsteht. Dass Klos­te­ra­ner aus Ost und West in dieser Initia­tive zusam­men­wir­ken, ist durch­aus bemer­kens­wert und erfreu­lich. In diesem Zusam­men­hang werden die Fragen von Tradi­tion und Namen noch einmal neu aufkom­men, denn diese wird dann natür­lich wieder Berli­ni­sches Gymna­sium zum Grauen Klos­ter heißen müssen! Wie sonst …

Ich gehöre dem Kura­to­rium an und vertrete die Ansicht, dass wir auch sehr diffe­ren­ziert über das Konzept am neuen alten Ort nach­den­ken müssen. Eine Verdop­pe­lung des hiesi­gen huma­nis­ti­schen Gymna­si­ums wäre trotz der hohen Bewer­bungs­zah­len nicht wirk­lich ziel­füh­rend. Ich meine, wir soll­ten uns bei unse­ren Über­le­gun­gen sowohl der Tradi­tion als auch den neuen Heraus­for­de­run­gen stel­len und verpflich­tet fühlen. Meines Erach­tens sollte unter bewuss­ter Hint­an­set­zung der Natur­wis­sen­schaf­ten die euro­päi­sche Kultur- und Geis­tes­ge­schichte im Vorder­grund stehen. Diese Kompe­tenz ist heute ein Desi­de­rat in der Gesell­schaft. Dafür wäre ein Konzept zu entwi­ckeln, in welchem Geschichte, Philo­so­phie, Kultur und Reli­gion (Juden­tum, Chris­ten­tum, Islam – jeweils authen­tisch gelehrt!) Schwer­punkte der Ausbil­dung darstel­len. Dazu gehö­ren selbst­ver­ständ­lich auch alte und neue Spra­chen, in welchem Maße, wäre zu disku­tie­ren.

Das ist zwar noch „Zukunfts­mu­sik“, aber es lohnt sich, sich heute darüber Gedan­ken zu machen! Hier und heute geht es aber erst einmal um die Erin­ne­rung und den Dank – den Dank dafür, dass die Tradi­tion des Berli­ni­schen Gymna­si­ums zum Grauen Klos­ter hier eine neue Heimat fand. Auf diese Tradi­tion gibt es kein Mono­pol. Jeder ist will­kom­men, der sie pflegt und leben­dig hält.

Sie tun dies – und deshalb sei Ihnen allen gedankt, jenen, die damals alles auf den Weg brach­ten, jenen, die sich in den zurück­lie­gen­den Jahr­zehn­ten dafür enga­gier­ten, und Ihnen, die diese Geschichte bis heute leben­dig halten und in die Zukunft tragen. Ich danke Ihnen.

Fest­rede zum 50. Jahres­tag des Evan­ge­li­schen Gymna­si­ums zum Grauen Klos­terin Wilmers­dorf, in: DAS GRAUE KLOSTER 2014, S. 22 ff.