Dr. Klaus Philipp Seif
Altsprachliches Symposion
am 14. März 2002 in Karlsruhe
1. Der Auftrag der alten Sprachen heute
Sprachen vergeben keine Aufträge, auch die alten Sprachen nicht. Von uns hängt
es ab, welchen Auftrag wir den alten Sprachen geben.
Und welche Aufträge wir vergeben, dies hängt wesentlich davon ab, was wir ihnen zutrauen, an und für sich und in Vergleich zu konkurrierenden Bildungs- und Gestaltungselementen des menschlichen Lebens.
2. Was trauen wir den alten Sprachen zu?
2.1 Erfahrungen und Studien
Einem guten Kollegen, Chef der Bildung in einem internationalen Unternehmen, habe ich vor einigen Tagen per E-mail signalisiert: Falls Du im Hinblick auf die Erfordernisse in Unternehmen Hinweise hinsichtlich der Sinnhaftigkeit des Erlernens alter Sprachen für mich hast, so sind diese hochwillkommen.
Seine Antwort: Sorry
to say dass wir den Fokus ganz klar auf die englische Sprache richten sollten.
Und alte Sprachen? Ich beneide jeden, der Latein beherrscht: Als Basis für
andere Sprachen, ganz einfach als Allgemeinbildung und als Schule des Denkens.
Schön, wenn ein Bewerber dies mitbringt, aber nicht crucial. Immerhin hat er
dann ein mit Fragezeichen versehenes "oder ?" angefügt.
Wozu die alten
Sprachen? Von wegen "non scholae sed vitae discimus". Nicht entscheidend, so die
Diagnose, nice to have, nice to know, würde es gerne können, aber eigentlich
brauche ich es nicht.
Dies ist keine
Einzelstimme. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat im Jahr 2001 eine Studie
publiziert: "Mit Vergil in die Wirtschaft?" Unter diesem mit Fragezeichen
versehenen Titel wurde die Bedeutung des Lateinlernens aus der Sicht der
Berufspraxis untersucht und dazu mehr als 1300 Mitarbeiter von Unternehmen bei
einer Rücklaufquote von fast 30% befragt. Ergebnis: Wer Latein in der Schule
gelernt hat, betont die positiven Wirkungen des Faches , wer moderne Sprachen
gelernt hat, vermisst die von den Lateinern angeführten positiven Effekte kaum.
Warum? Weil die immer wieder genannten Vorteile einer schulischen Beschäftigung
mit dem Latein auch auf anderem Weg erreichbar ist und offenbar auch erreicht
wird. Viel wichtiger, so das klare Votum, sind die modernen Fremdsprachen. Vor
allem English, English, English.
2.2 Was die alten Sprachen bewirken können
Immerhin: den alten Sprachen trauen wir vieles zu:
- die Eröffnung des Zugangs zur abendländischen Tradition
- ein erleichterter Erwerb neuerer Sprachen
- gefördert werden logisches Denken, Abstraktionsvermögen, Textverständnis, sprachliches Ausdrucksvermögen und Dialogfähigkeit, Weitung des Horizonts.
Unterstellt, all dies
trifft zu, bleibt dennoch der folgende Tatbestand: Sie sind nicht das exklusive
Instrument, um all dies zu erreichen. Es geht auch anders, es geht auch mit
anderen Mitteln.
So steht der positive
Effekt auf das Erlernen anderer Sprachen außer Zweifel, doch läßt er sich auch
über die modernen romanischen Sprachen erreichen. Hinzukommt, daß bei Latein als
zweiter Fremdsprache die Transferleistung eher von der Modernen Sprache zum
Latein erfolgt als vom Latein zur modernen Fremdsprache.
Die Schulung des
systematischen Denkens und des Abstraktionsvermögens, immer wieder genannt:
Mathematik und insbesondere Beschäftigung mit axiomatischen Systemen und
logischen Regeln versprechen vergleichbare Ergebnisse.
Zugang zur
abendländischen Tradition: Genügen dazu nicht Übersetzungen? Ist der Weg über
das Erlernen der lateinischen oder griechischen Sprache nicht zu weit und
zeitraubend?
Also noch einmal den
gleichen Sachverhalt anders formuliert: Den alten Sprachen werden diese
Wertschöpfungen zugetraut, doch sie sind weder notwendige noch hinreichende
Bedingung dafür, diese Effekte zu erreichen. Alte Sprachen werden weder als der
einzige noch als der Königsweg zu diesen Wirkungen gesehen, eher schon als ein
zeit- und energieintensiver Weg, dem außerdem die kommunikative Funktion
praktisch fehlt.
2.3 Wertschöpfung durch alte Sprachen für die Wirtschaft
Konkretes Beispiel hierzu aus der Wirtschaft:
Worauf achten die Rekrutierer und Personalentwickler? Natürlich spielen Fachkenntnisse eine Rolle, die im Studium und in der beruflichen Praxis erworben worden sind. Daneben aber kommt es an auf persönliche Dispositionen , also auf das intellektuelle Vermögen - analytisch, synthetisch, assoziativ -, sprachlich gleichermaßen, auf die konzeptionellen Stärken theoretisch wie praktisch, auf die Fähigkeit mit Anderen und anderen Kulturen zu kommunizieren, sie zu verstehen, mit ihnen in Dialog zu treten und auf die Fähigkeit, Einfluss auszuüben, zu steuern. Es sind gerade diese als sehr wichtig eingestuften fachunabhängigen persönlichen Fähigkeiten, bei denen die größten Defizite erlebt werden (Team, Kommunikation, Kundenorientierung). Beim Abiturzeugnis interessieren in erster Linie Deutsch und Mathe: weil die Beurteiler daraus Rückschlüsse auf Ausdrucksvermögen und Abtraktionsvermögen ziehen.
Wozu benötige ich also Latein? Es verschafft mir keinen direkten Vorteil, denn
- es schafft keinen operativen Nutzen in Form der Kommunikationsfähigkeit wie etwa die englische Sprache
- selbst hinsichtlich der strategisch als wichtig erachteten Dispositionen erfolgt in der betrieblichen Diagnose keine Zuordnung im Sinne eines ursächlichen Zusammenhanges.
Und eine ursächliche
Zuordnung im Sinne der notwendigen oder hinreichenden Verknüpfung wäre in der
Tat nicht gerechtfertigt.
Aber wo gibt es diese
schon im Bereich der Bildung? Sehr wohl aber kann von erwiesener, da
aktualisierter Möglichkeit gesprochen werden: Es gibt genügend Beispiele für
eingelöste Erwartung. Und diese Erwartungen, die an eine Beschäftigung mit den
Texten der antiken Philosophen und Redner und Historiographen anknüpfen, sind
verlockend:
- logische Schärfe,
- rhetorische Brillanz
- gepaart mit gedanklicher Tiefenschärfe
- und ideengeschichtlicher Breite.
Immerhin waren selbst
die großen amerikanischen Redner wie Lincoln und Everett, eifrige Studenten der
antiken Texte und von J.F.Kennedy ist bekannt (Schlesinger hat davon berichtet),
dass er sich von Jackie auf rhetorische Wirksamkeit zielende Exzerpte aus
Ciceroreden anfertigen ließ.
Sind für logische
Schärfe, rhetorische Brillanz, Tiefe und Breite des Denkens , sind für all dies
die alten Sprachen unverzichtbar? Klare Antwort: Natürlich Nein. Auch andere
Wege führen dorthin. Aber: Dieses Cluster an positiven Wirkungen kann durch kein
andersgeartetes einzelnes Bildungselement erreicht werden.
Meine erste
zusammenfassende These lautet deshalb:
In ihrer
multifunktionalen Bildungswirkung ist die Beschäftigung mit den antiken Texten
einzigartig und durch kein einzelnes anderes Bildungselement zu substituieren.
Es bleibt das Handicap
der fehlenden Kommunikationsfunktion, es bleibt der hohe Aufwand, der statt
dessen in das so wichtige Erlernen moderner Fremdsprachen investiert werden
könnte. Das ist der Preis, billiger ist es nicht zu haben. Angesichts dessen,
und angesichts der Tatsache, dass die Wirkungen alter Sprachen auch auf mehreren
anderen Wegen vielleicht weniger mühevoll, vielleicht auch mit noch mehr zu
leistendem Einsatz erzielt werden können, noch einmal die verschärfte Frage:
Gibt es eine einzigartige Leistung, die nur durch die Aneignung alter Sprachen
gesichert werden kann? Für die also die alten Sprachen unverzichtbar sind.
3. Die unverzichtbare Leistung der alten Sprachen
Anders gefragt: Was geben wir auf, wenn wir die alten Sprachen aufgeben?
Eine Sprache als
Instrument kann nie letztlich in sich unverzichtbar sein, sondern im Hinblick
auf ein angestrebtes Ziel notwendig und deshalb unverzichtbar sein.
Hierzu meine zweite
These:
Wer auf alte
Sprachen verzichtet, verzichtet auf einen wichtigen Teil unseres kollektiven
Bewusstseins.
Was ist damit
gemeint?
Sprachen sind der
Schlüssel zu den einzelnen historischen Welten dieser Welt. Sie formen diese
Welten und diese sind ohne sie allenfalls fragmentarisch zugänglich. Wer auf die
alten Sprachen verzichtet, verzichtet weitgehend auf diese Welten. Er wird sie
nicht mehr verstehen. So what? Ganz einfach: Verloren geht ein gedanklicher
Schatz ohne Verfallsdatum. Es droht eine diachrone Kommunikationssperre und
Bewusstseinsblockade.
Aber könnte man nicht
diesen Schatz bewahren, ohne die alten Sprachen in den Bildungskanon
aufzunehmen? Genügen nicht Übersetzungen, denn es kommt doch letztlich auf die
Inhalte dieser Texte, weniger auf ihre sprachliche Form an?
Wir wissen alle:
letztlich verständlich wird ein Text nur im Original bzw. in Auseinandersetzung
der Übersetzung mit dem Original. Und weiter: Gibt man Schülern und Schülerinnen
in der Schule nicht einmal die Schlüssel zur Welt der Antike, so gerät diese in
die Gefahr kollektiv vergessen zu werden.
Wer kennt schon das
Mahabharata ? Wenn Sanskrit Schulfach wäre, wäre es Allgemeingut.
Es geht darum,
1. ob wir wollen, dass
diese grundlegenden aus der Vergangenheit herübergeretteten Zeugnisse
menschlichen Denkens und Sprechens auch heute noch ihre Wirkung behalten,
2. ob wir wollen, dass
auch unsere Zeit und künftige Zeiten sich von Reflexionen zu Fundamentalfragen
menschlicher Existenz inspirieren lassen, zu Rationalität und Emotionalität, zur
Gesellschaftsform und zu gesellschaftlichen Normen, deren Geltung und
Begründung, zu realitätsformenden Kategorien wie Form und Materie, Natur und
menschliche Setzung, (dass wir durch all dies inspiriert werden)
3. ob wir wollen, dass
wir durch das, was hier exemplarisch und in Distanz zu uns heute bedacht und
durchdacht wurde, Befreiungschancen aus Denk- und Existenzzwängen der Gegenwart
eröffnen,
Ob wir all dies
wollen, das muss im gesellschaftlichen Diskurs immer wieder entschieden werden.
Dabei aber sollten alle zumindest wissen, worum es eigentlich geht.
Dafür muss derjenige,
der die Tradition der Antike als Werte für die Gegenwart erkannt hat, streiten
und kämpfen.
Und die Schule muss
dann entsprechend handeln.
4. Forderungen an die Schule
In meiner dritten These geht es um die Zielsetzung einer gegenwärtigen Beschäftigung mit alten Sprachen:
Die Bewahrung der
alten Sprachen darf nicht in historischer Absicht erfolgen, sie sollte vielmehr
ins Zentrum der Gegenwart und in das Zentrum unserer Zukunftsplanung zielen.
Was bedeutet dies für
die Schule, für Latein/Griechisch als Schulfächer?
1. Es muss die
Möglichkeit bestehen, alte Sprachen in der Schule zu lernen
2. Der Unterricht muss
inhaltsbezogen sein: auf die Texte der Philosophen, Redner und Historiographen
3. Die vermittelten
Inhalte dürfen nicht museal oder historisch sein, sondern "gefährlich" für die
Gegenwart.
4. Die Inhalte zum
Leben zu erwecken, bedeutet: die angeführten formalen Dispositionen zu schärfen
für die Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft:
- stringentes Denken: durch Lektüre entsprechender Texte (Aristoteles) und der Analyse politischer Reden und Entscheidungsvorlagen von Enquete-Kommissionen der Gegenwart mit den Instrumenten und Begrifflichen Instrumentarium der klassischen Logik
- rhetorische Brillanz:
Analyse von Reden mit Hilfe des Rhetorik-instrumentariums der Antike (vgl.
Jochen Buchsteiner, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
- Debating/Dialogfähigkeit: auf dem Boden der logischen und rhetorischen Instrumente drängende Fragen der Zeit/Themen aus anderen Fächern in Debatingclubs, die es professionell zu schulen gilt, zu behandeln.
Beschäftigung mit
antiken Autoren hat derartige Potenz.
Es gilt zu verhindern,
dass ein tumbes operatives Kommunikationsinteresse ausgespielt wird gegen ein
weitreichendes strategisches Bildungsinteresse, das auf fundamentale menschliche
Dispositionen zielt und wirkt.
Dr. Klaus Philipp Seif ist Leiter Kultur, Sport, Sozialberatung der BASF Aktiengesellschaft